WebKunstgalerie Kunstportal für Künstler und Kunstinteressierte

Futurismus

Verfasst von Ivo Haarmann am Samstag, 01 Dezember 2012. Veröffentlicht in Kunststile

Der Kunsstil Futurismus

Futurismus

Von Italien aus, die Welt erobern

Das beginnende 20. Jahrhundert erlebte einen nie dagewesenen Aufbruch, der alle Teile der Gesellschaft erfasste und einzelne, als Denker und Antriebskräfte von Bewegungen hervortreten sah, welche die Welt innerhalb kürzester Zeit verändern wollten. Eine dieser Bewegungen war der sogenannte Futurismus, begründet durch das „futuristische Manifest“ des Juristen und Dichters Filippo Tommaso Marinetti (1876–1944). 1909 veröffentlichte er im „Figaro“ ein 11-Punkte-Manifest, worin er die Moderne, Gewalt, Schnelligkeit, Anarchie, Fortschritt und Frauenfeindlichkeit verherrlichte. Der Krieg war für ihn „die Hygiene der Welt“ und „Schönheit“ sah er nur im „Kampf“ und im „aggressiven Charakter“. Durch den Futurismus sollte jedes Tabu durchbrochen werden und eine neue Welt entstehen. Museen, Bibliotheken und Akademien sollten zerstört werden, um eine völlig neue Kunst erstehen zu lassen.

 

Futurismus

Bronzefigur von Umberto Boccioni 1913
(Bildquelle: Wikipedia)

 

Der Italiener Marinetti sah sein Land nur noch rückwärtsgewandt, und so lange die Kultur der alten Römer und diejenige der Renaissance nicht überwunden seien, könne nichts fundamental Neues entstehen. Denn das Rückwärtsgewandte lähme die Schaffenskraft der Jugend. Vergangenheit sei nur Belastung und so lange sich die Menschen am Ruhm des Gewesenen orientierten, wagten sie nichts Neues. Auch wenn diese Bewegung von einem Italiener losgetreten wurde und sich vor allem in Italien verwirklichte, so waren unzufriedene französische Literaten und russische Anarchisten als geistige Brandstifter zu sehen, denn als Filippo Tommaso Marinetti sein „futuristisches Manifest“ 1909 der Welt bekannt gab, war er 33 Jahre alt und hatte seine Jugend überwiegend in Paris verbracht. Der Futurismus breitete sich rasch über Europa aus und beeinflusste den Expressionismus, Konstruktivismus, Dadaismus und Surrealismus.  Der italienische Futurismus prägte erstmalig den Begriff „Avantgarde“.

Nach Auffassung der Futuristen, sollte das Ziel der Kunst sein, das richtige Leben abzubilden, statt die Vergangenheit thematisch oder motivisch aufzugreifen. Fremd sind dem Futurismus ferner sämtliche alten, etablierten Schönheitsideale. Die Künstler des Futurismus strebten vielmehr danach, ihre eigenen Schönheitsideale zu finden, die in Dynamik und Geschwindigkeit lagen.

Der Futurismus in der Malerei

Führende Kunstrichtung dieser Bewegung war die Malerei. Eine Wanderausstellung begann 1911 in Mailand und ging über Paris, London, Berlin, Brüssel, Den Haag, Amsterdam, München, Budapest, Rotterdam, Karlsruhe, Leipzig, Rom bis nach St. Petersburg. Überall erregte sie in der lokalen Kunstszene großes Interesse und beeinflusste viele Künstler. 1910 hatte es in Turin ein „futuristisches Manifest der Malerei“ gegeben. Die Technik dieser Malrichtung, die das „Absolute“ anstrebte, war expressionistisch zu nennen. Traditionelle Motive wie Landschaften, historische und religiöse Darstellung, sowie Porträts wurden abgelehnt; stattdessen eine universelle Dynamik propagiert und die Durchdringung der Stofflichkeit. Licht und Bewegung sollte seinen Ausdruck finden. Formen und Linien fließen ineinander; das ‚statische Bild’ wird aufgelöst und durch Bewegung, Dynamik und Gleichzeitigkeit (simultan) ersetzt. Beliebte Motive sind Städte, das urbane Leben und die Massengesellschaft. Alles in allem ist der Futurismus keine feststehende, sondern experimentelle Richtung gewesen, auch in der Malerei.

Bekannte Künstler des Futurismus

Der aus Kalabrien stammende Umberto Boccioni (1882–1916) war führender Vertreter dieses Kunststils. Sein Gemälde „Visioni simultane“ (1912) enthält alle Aspekte dieser Richtung. „Der Gegenstand solle aufgebrochen und gleichzeitig in den Raum eingehen“  so definierte Boccioni die Kunst der Darstellung des Simultanen. Gleichzeitig war er Bildhauer; seine Plastik „Einzigartige Formen der Kontinuität“ von 1913 ziert heute das italienische 20 Cent Stück. Weitere bekannte Künstler des Futurismus waren: Giacomo Balla, Anton Giulio Bragaglia, Paolo Buzzi, Francesco Cangiullo, Gino Severini, Antonio Sant´Elia, Pasqualino Cangiullo, Mario Carli, Ambrogio Casati, Umberto Primo Conti, Fortunato Depero, Luciano Folgore, Wladimir Majakowski, Welimir Chlebnikow, Igor Terentjew, Olga Rosanowa, Roman Jakobson, Konstantin Olimpow, Igor Sewerjamin, Alexei Krutchonych und Wasilisk Gnedow, Lajos Kassák, Sándor Bortnyik, Béla Uitz, János Schadl, Hugó Scheiber und Béla Kádár um nur einige zu nennen.

Futurismus russischer Prägung

In Rußland war es primär eine literarische Bewegung, was der Mentalität des russischen Volkes mehr entspricht. Die Bolschewiken förderten den Futurismus sogar, bis er durch Stalin ein abruptes Ende fand.

Die futuristische Bewegung in anderen Ländern

Auch in Japan, Großbritannien, Portugal, Ungarn und Deutschland wandten sich Künstler dem Futurismus zu, wobei es meistens Dichter waren, die maßgeblich dadurch beeinflusst wurden. In Deutschland war es Herwarth Walden, der in seiner expressionistisch-avantgardistischen Zeitschrift „Der Sturm“ seit 1910 futuristische Elemente aufnahm. Maßgeblich beeinflusst wurde der Dichter Alfred Döblin (1878–1957), der den Futurismus in seinem Roman „Berlin Alexanderplatz“ (1929) schriftstellerisch perfektionierte. 1912 war Döblin von Walden in die Kunst- und Literaturszene der Hauptstadt eingeführt worden; ursprünglich war er Arzt, er wandte sich jedoch der Psychologie zu.

Ein berühmter futuristischer Schriftsteller war James Joyce (1882–1941), der lange Zeit seines Lebens in Italien verbrachte und der das einzigartige Werk „Ulysses“ verfasste. Ein Roman, in dem Szenen, Gedanken und Bewusstseinsströme nebeneinander laufen  und der vielen bis heute ein Rätsel geblieben ist. 
In Ungarn war es vor allem die Malerei, die vom italienischen Futurismus beeinflusst wurde. 2010 erfolgte eine Ausstellung (Depero: a futurista) in der ungarischen Nationalgalerie als auch im Museum di arte moderna, die den Einfluss des italienischen Futurismus auf die ungarische Avantgarde zeigt.

Der Futurismus in Politik und Gesellschaft

Im Ursprungsland der Avantgarde war es nicht so sehr die Malerei, welche von den futuristischen Ideen beeinflusst wurde, sondern es war tatsächlich eine gesamtgesellschaftliche Bewegung. 1910 kam ein futuristisches Manifest der Musiker von Francesco Balila Pratella heraus. Luigi Rossolo, Maler und Musiker, kündete 1913 in einem weiteren Manifest den Ersatz der Musik durch eine von ihm entwickelte Geräuschkunst an. Er kann als einer der Väter moderner Musik, von Elektronik und Syntheziser angesehen werden.

1914 folgten futuristische Manifeste in der Architektur. Bedeutendster Architekt war Antonio Sant´Elia. Es folgten Mode und Kunstgewerbe.

Nach 1930 plädierte Marinetti sogar für die Umstellung der traditionellen Ernährung Italiens auf Chemieprodukte.

Der Futurismus verwirklichte sich jedoch vor allem, unter Marinettis Einfluss, in der Politik und kam dadurch letztendlich zum Erliegen. Marinetti gründete eine eigene Partei, protegierte Mussolini und führende Vertreter des Futurismus waren im 1. Weltkrieg zu den Fahnen geeilt. Unter Mussolini wurde Marinetti in den 1920er Jahren sogar Kultusminister des Landes. Bis zu seinem Tode verherrlichte er Krieg, Kampf und Gewalt.

Futuristische Sammlungen

Vor allem das schriftstellerische Werk wurde bewahrt. In der Harvard Bibliothek, der Bibloteca di via del Senato in Mailand, im Kunsthistorischen Institut in Florenz und in der Zentralbibliothek in Zürich.

Das Futuristische Manifest

das Futuristische Manifest besteht aus insgesamt 11 Punkten und wurde 1909 von dem italienischen Dichter Marinetti verfasst und in der französischen Zeitung Le Figaro veröffentlicht. Es gilt als zentrale Grundlage der Kunstbewegung.

  1. Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen, die Vertrautheit mit Energie und Verwegenheit.
  2. Mut, Kühnheit und Auflehnung werden die Wesenselemente unserer Dichtung sein.
  3. Bis heute hat die Literatur die gedankenschwere Unbeweglichkeit, die Ekstase und den Schlaf gepriesen. Wir wollen preisen die angriffslustige Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den Laufschritt, den Salto mortale, die Ohrfeige und den Faustschlag.
  4. Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen … ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake.
  5. Wir wollen den Mann besingen, der das Steuer hält, dessen Idealachse die Erde durchquert, die selbst auf ihrer Bahn dahinjagt.
  6. Der Dichter muß sich glühend, glanzvoll und freigebig verschwenden, um die leidenschaftliche Inbrunst der Urelemente zu vermehren.
  7. Schönheit gibt es nur noch im Kampf. Ein Werk ohne aggressiven Charakter kann kein Meisterwerk sein. Die Dichtung muß aufgefasst werden als ein heftiger Angriff auf die unbekannten Kräfte, um sie zu zwingen, sich vor den Menschen zu beugen.
  8. Wir stehen auf dem äußersten Vorgebirge der Jahrhunderte! … Warum sollten wir zurückblicken, wenn wir die geheimnisvollen Tore des Unmöglichen aufbrechen wollen? Zeit und Raum sind gestern gestorben. Wir leben bereits im Absoluten, denn wir haben schon die ewige, allgegenwärtige Geschwindigkeit erschaffen.
  9. Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt – den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.
  10. Wir wollen die Museen, die Bibliotheken und die Akademien jeder Art zerstören und gegen den Moralismus, den Feminismus und jede Feigheit kämpfen, die auf Zweckmäßigkeit und Eigennutz beruht.
  11. Wir werden die großen Menschenmengen besingen, welche die Arbeit, das Vergnügen oder der Aufruhr erregt; besingen werden wir die vielfarbige, vielstimmige Flut der Revolution in den modernen Hauptstädten; besingen werden wir die nächtliche, vibrierende Glut der Arsenale und Werften, die von grellen elektrischen Monden erleuchtet werden; die gefräßigen Bahnhöfe, die rauchende Schlangen verzehren; die Fabriken, die mit ihren sich hochwindenden Rauchfäden an den Wolken hängen; die Brücken, die wie gigantische Athleten Flüsse überspannen, die in der Sonne wie Messer aufblitzen; die abenteuersuchenden Dampfer, die den Horizont wittern; die breitbrüstigen Lokomotiven, die auf den Schienen wie riesige, mit Rohren gezäumte Stahlrosse einherstampfen und den gleitenden Flug der Flugzeuge, deren Propeller wie eine Fahne im Winde knattert und Beifall zu klatschen scheint wie eine begeisterte Menge.

 

  1. Quelle: Baumgarth, S. 26–27, in: Benesch/Brugger. 263–265

Social Bookmarks

Bitte Kommentar schreiben

Bitte einloggen, um einen Kommentar zu schreiben.